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Die Leere ist die wahre Fülle und die wahre Fülle ist leer.

Zum Schaffen von Daniel Amin Zaman –
Das inhaltliche wie formal zentrale Grundelement und Mittel seines künstlerischen Arbeitens bildet für Daniel Amin Zaman die Wiederholung. Sie formt gleichsam den Kern seiner künstlerisch-kunstforschenden Praxis als Ritual, als Leerformel und als Strategie einer gezielten Inflationierung, die gleichermaßen ihn selbst wie seine Werke betrifft.
Dadurch werden sein Tun und Werk nicht etwa bedeutungslos, sondern umso bedeutungsvoller, als sie auf einer Bedeutungsdimension hinausweisen, die jenseits von subjektiver Expressivität und semiotischer Funktion liegt. Zaman geht es nicht um vordergründige Aussagen, sondern um eine hintergründige Wahrheit.

Im Mittelpunkt seines Vokabulars stehen die Termini „Auflösung“ und „Enttäuschung“. Begriffe, die in der westlichen Denktradition für gewöhnlich negativ konnotiert sind, „östlich“ betrachtet, aber nicht weniger als einen meditativen und zugleich radikalen Prozess der Befreiung und Erkenntnis beschreiben. Womit wir ganz im Zentrum von Zamans Denken und Schaffen angekommen sind.

Daniel Amin Zaman ist zur Hälfte indischer Herkunft und verbindet die erkenntnistheoretischen Grundlagen und Betrachtungen des Advaita-Vedanta – eine der Haupt-Schulen indischer resp. östlicher Philosophie – mit jenen des „Westens“. Man könnte auch sagen, er lässt sie kollidieren. Denn für ihn markiert diese Diskrepanz insbesondere eines: das Aufeinandertreffen von westlich-transzendent-dualistisch geprägten und östlich-immanent-monistischen Denktraditionen, das auch seine Identität macht.

Dazu bedarf es eines kurzen kulturphilosophischen Vergleichs – vor allem, was die Rolle des erkennenden Subjektes für die Erkenntnis an sich betrifft.
Dieses ist zum einen deren Bedingung. Zum anderen aber auch deren Bedingtheit, insofern das von ihm vermeintlich Erkannte, letztlich immer auch – oder ausschließlich – das rückspiegelnde Produkt, das Geschöpf und Bild seiner eigenen Projektionen, Vorstellungen, Benennungen und Bezeichnungen ist. Was auch immer wir zu erkennen meinen: es ist nicht das, was es ist, sondern das, wie es uns erscheint. Es bedingt sich.
Das heißt nicht, dass die Dinge oder Phänomene nicht existieren würden, sehr wohl aber, dass sie vor dem Hintergrund des Subjektes keine von ihm unabhängig zu erkennende Identität haben, sondern das Ergebnis der Wechselwirkung zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit sind.
In den stellvertretenden Worten Kants bedeutet das: Die Erkenntnis des „Ding an sich“ – also der Wirklichkeit, wie sie unabhängig von unserer Wahrnehmung existiert – ist uns unmöglich. Oder „östlich“ formuliert: Dasjenige für wahr zu halten so wie es uns erscheint, ist nicht mehr als eine Selbst-Täuschung und Illusion, nicht aber (reine) Erkenntnis.

Was aber sind nun die Folgen einer solchen substanziellen „Selbst-Erkenntnis“?
Hier trennen sich die Wege zwischen westlicher und östlicher Betrachtungsweise.
Während für erstere „das Ding an sich“ jenseits unserer Erfahrbarkeit ist, müssen wir das Faktum akzeptieren, dass es von uns getrennt existiert. Was bleibt sind empirisch-induktive Rückschlüsse.

Aus östlich-rationalistischer Sicht – wie beispielsweise jener des Advaita-Vedanta –, ist das „Ding an sich“ hingegen Teil einer gemeinsamen Wirklichkeit. 
Wenn es also gelingt, das Subjekt, welches erst dualistische Trennung, Differenz und somit Selbst-Täuschung schafft, soweit zurückzudrängen und bis zur Ununterscheidbarkeit aufzulösen, dann könnte es die „erste Wirklichkeit“ nicht nur erkennen, es wäre ein Teil von ihr. Hier wird die „Selbst-Erkenntnis“ zur Basis und zum Schlüssel, sich „dem Allgegenwärtigen, das sich seiner Allgegenwärtigkeit verbirgt“ anzunähern.
In den Spekulationen des Advaita-Vedanta kulminiert dies darin, eine metaphysische Einheit auf der Ebene eines irreduziblen Seinsgrundes anzunehmen.

An diesem Punkt referiert und beruft sich die indische Betrachtungsweise auf seine jahrhundertelange Tradition der Meditation, Selbstbeobachtung und Disziplinierung. Sie verweigert sich der Akzeptanz einer uns unmöglichen Wirklichkeit und Erkenntnis. Salopp formuliert: Wenn das Subjekt das Problem ist, muss man es oder muss es sich eben auflösen.
Es gilt in „Selbst-Erkenntnis“ das Subjekt als Instanz der „Selbst-Täuschung“ zu erkennen und in Folge schrittweise zu entleeren, damit die Selbst-Täuschung einer Ent-Täuschung im wortwörtlichen Sinne zugunsten einer un-bedingten und vom Subjekt bereinigten Erkenntnis weichen kann. Leere bedeutet hier Fülle. 

Wo auch immer es aber um „Entleerung“, um „Selbstvergessenheit“ und um ein „Sich-hinein-Verlieren“ ging und geht, war und ist die rituelle Praxis das Mittel. Genauer gesagt: Die Wiederholung in ihrer rituellen Funktion.
Das Wesen, die Bedeutung und Bedeutsamkeit jeder Art von Ritual – ob säkular oder kultischen– liegt dabei nicht in ihrer zahlenmäßigen Einmaligkeit, sondern in der Repetition formalisierter Vollzüge und Werke, die diese in ihrer Bedeutung transzendieren. 
Es findet eine Bedeutungsverschiebung statt, in der nicht der Zweck des Handelns und der Handlung im Zentrum steht, sondern die Praxis des Vollzugs selbst bedeutungsvoll wird.

Und genau diese Funktion internalisiert Zaman in sein künstlerisches Arbeiten.

Dazu bedient er sich zum einen meditativ-formalisierter Handlungen und zum anderen der Strategie der replizierenden Vervielfältigung desselben Sujets innerhalb einzelner Serien, die er mit inter-/transdisziplinären Mitteln wie Sound, Bewegung und Licht zu ortsspezifischen Installationen, Orten und Narrativen verknüpft, die über sich hinausweisen.

Künstler, Werk und selbst deren Absicht „verklingen“ in der Wiederholung zugunsten einer lauten Stille, in der unterschiedliche Modelle miteinander kollidieren und sich dennoch in seiner Person und seinem Arbeiten verbinden. 

Das verleiht Zamans seriellen Werken mit ihren hochglänzenden Oberflächen aus Kunstharz einerseits eine meditative Tiefe, Stille und Kontemplation.
Zugleich aber wohnt seiner Strategie der Auflösung und Enttäuschung die Konfrontation einer bewussten Verweigerung und radikalen Abkehr inne, die sich entschieden gegen jede Form konformistischer Resignation und Zugeständnisse einer Gegenwart gegenüber richtet, die zunehmend in der Bodenlosigkeit nihilistischer Orientierungs-, Wert- und Sinnlosigkeit zu versinken scheint.

Er zieht sich zurück, konfrontiert mit seinem Rückzug, schafft aber gerade dadurch sich und allen anderen Räume zur Ent-Täuschung und Re-Orientierung. 

Sein Tun und Schaffen haben keine Aussage, sie sind Aussage.